
Anfragen von Studenten und anderen Interessierten - zum Forum der 13, dem Hamburger Dogma und meiner eigenen Arbeit, werde ich wie gewohnt beantworten.
Der neue Roman. Der Benutzer. Ist im Oktober 2006 im yedermann Verlag München erschienen. Mein Dank gilt Jim Avignon, verantwortlich für die Gestaltung des Covers.

HAMBURGER ABENDBLATT
Die Rache siegt im Internet
In "Der Benutzer" von Lou A. Probsthayn sinnt ein süchtiger Ebay-Nutzer auf Vergeltung.
Von Gunter Gerlach
Gibt es schon einen Roman über einen Ebay-Nutzer? Wie er langsam in die Computerwelt des Ver- und Ersteigerns hineinwächst, wie das schnell zu Sucht wird? In dem Roman "Der Benutzer" des Hamburgers Lou A. Probsthayn heißt das Auktionshaus Limit, aber alles ist wie bei Ebay. Timo Beil entdeckt diese Parallelwelt im Internet und bewegt sich in ihr unter dem Namen LittleHertie. Kauft, verkauft und taucht im wirklichen Leben kaum noch auf. Alles geht gut, bis er, ohne eigenes Verschulden, die erste negative Bewertung bekommt. Wer bei Ebay handelt, weiß, wie schädigend das sein kann. Und jetzt wird der Roman zum Krimi. Denn Timo Beil versucht, sich eine neue Internet-Identität aufzubauen, und sinnt auf Rache im realen Leben.
Mit dieser Story könnte der Roman durchaus ein Bestseller werden. Doch Probsthayn ist Autor einer besonderen Art. Er kümmert sich nicht um Formen und Regeln der Massenauflagen. Er schreibt wenig, und wenn, dann meist nach dem Hamburger Dogma. Neben diesen puristischen Schreibregeln hat Probsthayn noch einen vollkommen eigenen Stil entwickelt. Indem er die Sprache beim Wort nimmt, gelingt es ihm, Beobachtungen punktgenau und als entlarvende Parodie in verblüffender Kürze zu Papier zu bringen.
Da gibt es die Szenen der Nachbarn. Die Frau, die ihre Haustiere mit Valium füttert. Den Kurzsichtigen, der sich seine Zeitschrift zum Lesen zu Füßen legen muss. Den Gemüsehändler, der für seine Kundin seine sonnengereiften Orangen "rezensiert", und so manche Nachbarn, "deren Existenz erst durch die Ankunft eines Leichenwagens aufgeklärt wird".
Probsthayns Romane seien dringend all jenen empfohlen, die mit ausgeprägtem Gestaltungswillen schreiben. Und sie sind eine Herausforderung für den Leser. Manche Sätze müssen laut gelesen werden. Will man Probsthayns Texte klassifizieren, dann gehören sie zu einer Art, die zeigen will, welch wunderbarer Wahnsinn Literatur auch sein kann.
POETENLADEN.DE
Der Benutzer
Ein Internetroman nach dem Hamburger Dogma Der Benutzer ist ein origineller Roman, ein virtuos geschriebenes Buch, dessen Autor ganz neue sprachliche Register zieht. Stil-Eigenart und Sprachwitz heben diese Prosa aus dem Wust literarischer Mittelmäßigkeiten heraus. Das Thema allerdings ist nicht ganz neu. Sowie Autoren immer mehr Zeit im Netz verbringen, siedeln sie ihre Romane bevorzugt im virtuellen Raum an: vom Krimi à la Der tödliche Chat bis zur Email-Romanze.
Lou Probsthayns Roman führt uns in ein virtuelles Auktionshaus, das sich Limit nennt und an eBay erinnert. Der Held Timo Beil entdeckt als LittleHertie die lukrativen Möglichkeiten des Versteigerns und entwickelt sich zum gewieften Online-Händler. Aber durch Bewertungen, die die Benutzer untereinander abgeben können, fällt er in der Gunst der Internet-Community ab. In einem mörderischen Erfolgswahn sucht er User auf, die ihn kritisch beurteilen, und straft sie mit einem Baseballschläger ab. Sarkasmus ist garantiert, wenn Timo Beil über seine Verbrechen reflektiert: „Schließlich sind Straftaten auch soziale Taten. ... Sie fördern die Kommunikation zwischen den Angehörigen. ... Sie beleben das ganze Miteinanderleben.“
Also ein irrwitziger Plot. Nicht immer ganz logisch, aber doch in einem Duktus, dem man mit angehaltenem Atem folgt. Dem Autor gelingt es, dem Thema Internet neue Aspekte abzugewinnen, auch wenn die Grundtendenz bekannt ist: Internetforen als Welt der Pseudokommunikation, in der sich labile Identitäten in einer anonymen Community bewegen.
Sprache und Stil des Romans lassen sich nicht ohne Hinweis auf das Hamburger Dogma erklären. Cineasten werden ans Dogma 95 von Regisseuren wie Lars Trier denken, und in der Tat bestehen hier Analogien. Vor allem Authentizität ist das Ziel. So wie in Dogma-Filmen mit Handkameras und ohne künstliche Beleuchtung gefilmt wird, darf ein Buch nach dem Hamburger Dogma keine Perspektivwechsel und keine Metaphern enthalten. Sätze dürfen höchstens 15 Wörter lang sein. Große Effekte sind verpönt.
Zum Glück gibt es nur wenige Regisseure und noch weniger Autoren, die nach den Regeln dieser Dogmen arbeiten. Andernfalls wäre die Film- und Literaturwelt bald verarmt. Doch Lou A. Probsthayn gelingt es gerade dank dieses reduktionistischen Ansatzes und dank des Verzichts auf klassische Erzählmittel, einen ungeheuer kompakten, trockenen Stil zu entwickeln, der mit einem immensen Sprachwitz aufgeladen ist. In der spielerischen Wortsetzung und in der Eigenwilligkeit der Sätze liegt die Stärke dieser Prosa. Es gibt Seiten, die eine Sprachintensität entfalten, wie man sie, wenn auch mit gänzlich anderen Mitteln erzeugt, etwa von Gisela Elsner oder Uwe Johnson kennt.
Der Leser, der auf eine leichte Lektüre aus ist, wird nicht enttäuscht sein, aber er wird das Wesentliche des Buches auch nicht erfassen. Manche Sätze darf, kann und muss man zweimal oder dreimal lesen. So kurz sie sind. Erst dann steigt man hinter den Witz, der Doppelbödigkeit, den Sarkasmus dieser kargen und genauen Sprache.
Betrachtet man die saisonalen Produkte mancher Autoren, die ihr Leid als Wohlstandsliteraten in profillosen Sätzen darbieten, so schlägt Lou Probsthayn wahrlich einen anderen Ton an, einen Ton, der uns ahnen lässt, was Literatur sein kann, die über den Tag hinausgeht.
Andreas Heidtmann 29.11.2006
LITERATURE Der Benutzer
Buch - Belletristik
Geschrieben von Albrecht Mangler
Freitag, 01. Dezember 2006
Hunde sind der beste Freund des Menschen. Umso grausamer ist es, dass Timo Beils Nachbarin ihren Hund bei einer Online-Auktion versteigern will. Der Kläffer verträgt sich einfach nicht mit seiner Zwangsehefrau der Katze, sagt sie. Keine Frage, dass Timo Beil später den Hund ersteigert und seiner Nachbarin ordentlich ins Gewissen redet. Lebendige Tiere versteigert man doch nicht. Doch der Reihe nach: Der Benutzer heißt der neue Roman des Hamburger Schriftstellers Lou A. Probsthayn, dessen Protagonist Timo Beil ist. Beim Zusammentreffen mit seiner Nachbarin erfährt er aber nicht nur von der geplanten Hundeversteigerung sondern von Online Auktionshäusern im Allgemeinen. Klar, dass er den Nervenkitzel von Internet Versteigerungen selbst erleben will. Als erstes ersteigert er sich eine Hose von Benutzer RoseRose, sein erster erfolgreicher virtueller Kontakt im Online Auktionshaus Limit. Little Hertie nennt Timo Beil seine Limitisten Identität. Von der ersteigerten Hose angestachelt beschließt Timo etwas altes Gerümpel vom Dachboden bei Limit anzubieten - mit Erfolg. Und mit diesen erfolgreichen Versteigerung beginnt Timos Limitisten Identität gewichtiger zu werden. Kein Wunder, kann ein Limitist doch einfach aufgrund seines makellosen Bewertungsprofils ganz unkompliziert ein guter Mensch sein. Nach zehn positiv bewerteten Transaktionen verleiht das Auktionshaus seinen Benutzern eine kleine Krone neben dem Namen. Ausdruck von lobenswertem Handelns. Ehrensache für Little Hertie, die Krone innerhalb von kurzer Zeit erhandelt zu haben. Schnell ist der Plunder vom Dachboden verkauft und Timo Beil beschließt Limit-Schuhverkäufer zu werden. Little Hertie wird damit immer mehr zum bestimmenden Teil seines Denkens. Er ersteigert sich Schuhe aus Insolvenzen und Geschäftsauflösungen um sie daraufhin wieder gewinnbringend zu versteigern. Das Geschäft blüht und Timo Beil aka Little Hertie kann durch den Schuhumsatz sogar seine Miete bestreiten. Doch dann geschieht das Unvermeidbare, die erste Transaktion verläuft problematisch. Ein Käufer behauptet das Geld überwiesen zu haben, obwohl es noch nicht bei Little Hertie angekommen ist. Als Little Hertie sich entscheidet, die Schuhe nicht zum Käufer zu schicken kommt es zum Eklat: Es klingelt bei Timo Beil, ein kräftiger Mann bezahlt mit Schlägen statt Barem und nimmt sich die Schuhe, das Geld überweist er erst später - nach der Prügelattacke.
Dieses Ereignis wird zum Knackpunkt für Timo Beil. Er beschließt, es in sich zu verschließen und bewertet den Schlägerkäufer nach dessen unverschämter Aufforderung sogar noch positiv. Doch als Little Hertie durch eine erste negative Bewertung einen Riss in seiner makellosen Limit Identität bekommt sieht er plötzlich rot. Er beginnt seinen scheinbar undankbaren Kunden im realen Leben nachzustellen und schreckt sogar vor Gewalt nicht zurück. Little Hertie ist jedes Mittel Recht, seine Limitisten Identität bei hundert Prozent positiven Bewertungen zu halten.
Lou A. Probsthayn erzählt die Geschichte von Timo Beil nach den Regeln des Hamburger Dogmas. Danach sollen unter anderem Adjektive vermieden werden, ein Satz darf nicht mehr als fünfzehn Worte haben und Gefühle werden nicht benannt sondern bildlich dargestellt. Daraus entsteht eine einzigartige Sprache, die zunächst für den Leser sperrig erscheint mit jeder Seite aber faszinierender wird.
Der Benutzer zeigt, wie leicht virtuelle und wirkliche Identität überlappen und in ihrem Zusammenspiel fatal wirken können, wie einfach es ist, über das Internet sensible Informationen über andere Menschen herauszufinden. Drastisch, vielleicht zu drastisch und plötzlich, werden die Folgen von Anerkennungs-Asymmetrien zwischen Cyberspace und realem Leben dargestellt. Die experimentelle Sprache macht den Roman etwas sperrig und deshalb für manchen Leser schwer verständlich. Für Leser aber, die Spaß an neuen Tonlagen und Textfarben haben ist vor allem die sprachliche Umsetzung ein zusätzlicher Lesegenuss.
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